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Satire-Affäre im Auswärtigen Amt zeigt dünne Haut

VON Tobias Schreiner
13. Januar 2026
in DEUTSCHLAND, POLITIK
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Ein internes Gedicht und eine überraschende Reaktion

Manchmal offenbaren sich Institutionen weniger durch ihr Handeln als durch ihre Reaktion auf Kritik. Genau das ist nun im Auswärtigen Amt geschehen. Auslöser war ein satirisches Gedicht mit dem Titel „Ken & Barbie“, veröffentlicht in der internen Mitarbeiterzeitschrift internAA (Ausgabe 1/26). Der Text wurde rasch als ironische Anspielung auf die frühere Außenministerin Annalena Baerbock und den ehemaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck verstanden. Kurz darauf verschwand das Gedicht aus der Veröffentlichung. Das Ministerium erklärte: „Uns ist ein Fehler passiert.“

Was als interne Satire begann, entwickelte sich binnen Stunden zu einer politischen Affäre – weniger wegen des Inhalts als wegen der Reaktion darauf.

Spott nach innen – verboten, Spott nach außen – Routine

Die Löschung wirft Fragen auf. Denn gerade jenes Ministerium, das unter Baerbock eine besonders offensive Kommunikationslinie pflegte, reagierte plötzlich empfindlich. In ihrer Amtszeit setzte das Haus auf zugespitzte Botschaften, teils mit spöttischem Unterton gegenüber ausländischen Akteuren. Diplomatische Zurückhaltung galt eher als altmodisch.

Ein Beispiel aus dem September 2024: Das Auswärtige Amt kommentierte auf der Plattform X eine Aussage von Donald Trump mit einem ironischen Bild von Hund und Katze aus dem Ministerium und dem Satz: „They’re safe here in the Foreign Office.“ Eine klare Einmischung in den US-Wahlkampf – und damals offenbar kein Problem.

Große Worte im Weltsaal

Auch intern blieb die neue Tonlage nicht unbemerkt. Im September 2023 traten Baerbock und Habeck gemeinsam vor Diplomaten im Weltsaal des Auswärtigen Amtes auf. Laut zeitgenössischen Berichten kündigte Habeck seine Rede mit den Worten an: „Es ist etwas Großes, was ich hier gerade sage.“ Die Szene wurde später vielfach als Beispiel für eine Politik wahrgenommen, die sich ihrer eigenen Bedeutung sehr sicher war.

Vor diesem Hintergrund wirkt ein satirisches Gedicht über zwei prominente Ex-Minister eher folgerichtig als überraschend.

Zahlen, die eine Haltung widerspiegeln

Ein Blick auf die Statistik untermauert diesen Eindruck. Bis September 2024 stellte Robert Habeck insgesamt 805 Strafanträge wegen Beleidigung, Annalena Baerbock kam auf 514. Zum Vergleich: Bundeskanzler Olaf Scholz verzichtete vollständig auf entsprechende Anzeigen. Die FDP-Minister Marco Buschmann und Bettina Stark-Watzinger stellten zusammen 50.

Diese Zahlen dokumentieren eine niedrige Toleranzschwelle gegenüber Kritik – gerade bei jenen, die selbst regelmäßig pointiert austeilten.

Der Rentner, das Wortspiel und der Staat

Symbolisch wurde der Fall eines bayerischen Rentners. Er bezeichnete Habeck auf X als „Schwachkopf professional“, grafisch angelehnt an das Logo der Marke Schwarzkopf. Die Folge: Hausdurchsuchung, Tablet-Beschlagnahmung, Ermittlungen. Später entschied ein Gericht, es handle sich um eine zulässige Meinungsäußerung.

Der staatliche Aufwand stand in keinem Verhältnis zur Tat – und prägte das Bild einer Politik, die Kritik eher juristisch als argumentativ beantwortet.

Ein Unternehmer vor Gericht

Ähnlich gelagert war der Fall des Unternehmers Michael Much aus Gmund am Tegernsee. Er hatte Plakate mit Zitaten und Karikaturen von Baerbock, Habeck und Ricarda Lang an seinem Zaun angebracht. Die Staatsanwaltschaft forderte einen Strafbefehl über 6000 Euro. Begründung: Teile der Darstellung seien „entmenschlichend“.

Das Amtsgericht Miesbach sprach Much frei. Die Richter stellten klar, es handele sich um Machtkritik, die im politischen Raum zulässig sei. Politiker müssten schärfere Formen der Kritik ertragen als Privatpersonen.

Früherer Umgang mit Spott

Historisch gesehen ist diese Gelassenheit nichts Neues. Helmut Kohl ließ sich jahrelang als „Birne“ karikieren und sammelte die Zeichnungen. Joschka Fischer fiel einst durch drastische Sprache im Bundestag auf und wurde dennoch Außenminister. Spott galt als Teil des demokratischen Betriebs.

Heute hingegen wirkt die politische Spitze deutlich empfindlicher. Der seit 2021 verschärfte Paragraf 188 StGB, der Politiker besonders schützt, sollte das politische Klima beruhigen. Kritiker sehen das Gegenteil erreicht: steigende Anzeigenzahlen und wachsendes Misstrauen.

Zwei Arten von Satire

Der Kern des Problems liegt in einer doppelten Messlatte. Satire gilt als mutig, wenn sie die „Richtigen“ trifft – und als verwerflich, wenn sie sich gegen die eigene Seite richtet. Die Gerichte haben in vielen Fällen zugunsten der Meinungsfreiheit entschieden. Doch bis dahin mussten Bürger Hausdurchsuchungen, Ermittlungen und öffentliche Stigmatisierung hinnehmen.

Ein Ministerium im Wandel

Unter dem neuen Außenminister Johann Wadephul wird der Kurs im Auswärtigen Amt neu justiert. Begriffe wie „feministische Außenpolitik“ treten in den Hintergrund, der Ton wird nüchterner, die Kommunikation weniger pointiert. Für manche ist das ein Rückschritt, für andere eine Rückkehr zur diplomatischen Normalität.

Das Gedicht „Ken & Barbie“ hätte ein Zeichen von Selbstironie sein können. Seine Löschung sendete jedoch eine andere Botschaft: Kritik ist willkommen – solange sie nicht die eigene Führung betrifft.

Ein unfreiwilliger Test

Annalena Baerbock betonte oft, Außenpolitik müsse sich an Werten orientieren. Das interne Gedicht wurde zum Testfall, ob diese Werte auch dann gelten, wenn sie unbequem werden. Die Reaktion des Ministeriums legt nahe, dass die Grenze der Toleranz dort verläuft, wo Selbstbild und Spott aufeinandertreffen.

Hier das Gedicht in voller Länge:

Ken & Barbie

Heizung aus,

Pullover an,

selbst gestrickt,

von Mann zu Mann.

Die Außenwelten,

feministisch gedacht,

die Welt zu retten,

doch nicht jeder, hat gelacht.

Ein Kinderschreck im Höhenflug,

Politik, ganz wie ein schlechtes Buch,

ein Land, das sucht, das strebt,

fragt sich, wohin der Weg nun geht.

Mit Hochglanzschminke um die Welt,

das Haar, immer perfekt gewellt,

Hochglanzreden, ohne Geschick,

hatte die Menschen, nicht mehr im Blick.

Die Wurzeln einst so tief im Grund,

doch Wandel kam, die Zeit war bunt,

Ein grüner Baum der Frieden trug,

verlor den Pfad, den einst er schlug.

Sein Schritt eilt voraus,

bloß nicht nach Haus,

der Abstieg zum Schluss,

Philosophie, im Außen Ausschuss.

Und sie, die Heimat verlässt,

auf zum Big Apple, welch ein Fest,

ein Job ergaunert, ganz elegant,

das Volk frohlockt, nun ist sie verbannt.

So ziehen sie weiter,

die beiden, so heiter,

wir winken ihnen zu,

nun haben wir Ruh.

Schlagwörter: AuswärtigesAmtBaerbockDebattenkulturDeutschlandHabeckKritikLebenMeinungMeinungsfreiheitPolitikSatireStrafanzeigenZensur
Tobias Schreiner

Tobias Schreiner

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