Wall Street rutscht ab, Zweifel an KI-Folgen wachsen
Nach deutlichen Verlusten an der Wall Street überwiegt zum Wochenausklang an vielen asiatischen Handelsplätzen Zurückhaltung – obwohl die Woche bislang für zahlreiche Indizes sehr erfolgreich verlaufen war. Auslöser der Ernüchterung ist weniger ein einzelnes Unternehmensereignis, sondern ein Themenwechsel im Sentiment: Investoren stellen wieder stärker die Frage, ob der rasche KI-Einsatz in immer mehr Branchen nicht auch Schattenseiten für bestehende Geschäftsmodelle mit sich bringt.
Diese Sorgen trafen in den USA nicht nur klassische Technologiewerte. Auch Finanzaktien gerieten unter Druck, weil Marktteilnehmer befürchten, dass KI das Vermögensverwaltungsgeschäft durcheinanderbringen könnte – etwa durch automatisierte Beratung, sinkende Gebühren oder neue Wettbewerber, die digitale Angebote schneller skalieren. Das Ergebnis: Nach einer Phase hoher Risikobereitschaft setzte in New York erneut Vorsicht ein, was in Asien am Morgen spürbar nachhallt.
Rücksetzer in Tokio, Shanghai, Hongkong und Sydney
Die negative Vorgabe aus den USA zeigt sich in mehreren Märkten der Region. In Tokio fällt der Nikkei um 1,2 Prozent auf 56.967 Punkte. Der Index gibt damit einen Teil seiner zuvor aufgebauten Gewinne ab, ohne dass es bislang zu einem abrupten Stimmungsbruch kommt – es wirkt eher wie eine klassische Gewinnsicherung nach einer starken Woche.
Auch in Shanghai geht es abwärts: Dort liegt das Minus bei 0,8 Prozent. Deutlich kräftiger fällt die Bewegung in Hongkong aus, wo der Markt 2,1 Prozent verliert. In Sydney beträgt der Abschlag 1,4 Prozent; dort ist der Handel bereits beendet. Insgesamt ergibt sich ein Bild, das typisch für risk-off-Phasen ist: Die Mehrzahl der Börsen gibt nach, und der Fokus verschiebt sich von Rally-Argumenten hin zu möglichen Störfaktoren durch Technologieumwälzungen.
Seoul entkoppelt sich – Halbleiter stützen den Kospi
Eine Ausnahme bildet ausgerechnet der stark technologiegeprägte Markt in Seoul. Dort setzt sich die Rekordjagd der vergangenen Tage fort, und der KOSPI legt um 0,9 Prozent zu. Damit entzieht sich die Börse der regionalen Abwärtstendenz – ein Hinweis darauf, dass Anleger in Südkorea die KI-Debatte derzeit weniger als Bedrohung, sondern eher als Nachfrageargument für bestimmte Schlüsselkomponenten bewerten.

Im Mittelpunkt stehen Halbleiterwerte, die bereits in den vergangenen Sitzungen kräftig gelaufen sind. Das Schwergewicht Samsung Electronics stützt mit einem Plus von über 3 Prozent. SK Hynix zieht um 1,1 Prozent an. Während andere Märkte die potenziellen Verlierer von KI neu sortieren, bleibt Seoul bei einem klaren Gewinner-Narrativ: Speicher- und Chippreise steigen, und das könnte sich zeitnah in den Zahlen niederschlagen.
Nomura erwartet stärkere Quartalszahlen wegen Chippreisen
Für zusätzlichen Rückenwind sorgt eine Einschätzung aus dem Analystenlager. Beobachter verweisen darauf, dass die Preise im Halbleiterbereich zuletzt deutlich angezogen haben – und damit die Erwartungen an die kommenden Ergebnisse steigen. Die Analysten von Nomura gehen davon aus, dass beide Konzerne aufgrund der deutlich steigenden Halbleiterpreise „stärkere Ergebnisse für das erste Quartal vorlegen“ dürften. Zudem wurde das Kursziel für SK Hynix angehoben – ein Signal, das in einem nervösen Umfeld oft besonders wirksam ist, weil es die positive Kursbewegung fundamental untermauern kann.
Damit ergibt sich in Seoul eine Art Gegenbewegung zur US-Debatte: Während in New York die Sorge wächst, KI könne Geschäftsmodelle in mehreren Branchen beschädigen, setzen Investoren in Südkorea stärker auf die Seite der KI-Infrastruktur – also auf jene Unternehmen, die von Rechenzentren, Hochleistungsspeichern und der dafür notwendigen Hardware profitieren.
Wochenbilanz: Samsung stark, SK Hynix ebenfalls im Plus
Auch die Wochenperformance unterstreicht, warum die Stimmung in Seoul stabil bleibt. Samsung Electronics hat in dieser Woche fast 15 Prozent zugelegt. Als Treiber gilt Optimismus über die Geschäftsaussichten rund um den neuen HBM4-Hochleistungsarbeitsspeicher der nächsten Generation. Der Begriff HBM4 steht für High Bandwidth Memory der jüngsten Entwicklungsstufe – also Speicher, der in KI-Systemen eine zentrale Rolle spielt, weil er große Datenmengen mit hoher Geschwindigkeit bereitstellen kann.

SK Hynix steuert auf ein Wochenplus von rund 6 Prozent zu. Der Abstand zur Samsung-Performance ist zwar deutlich, doch auch hier zeigt die Richtung klar nach oben. Zusammen betrachtet ergibt sich ein Muster: Dort, wo Märkte KI vor allem als Disruptionsrisiko für Dienstleistungen und etablierte Strukturen betrachten, fallen Kurse. Dort, wo KI als Nachfragebooster für Hardware und Speicher interpretiert wird, hält sich die Stimmung – oder dreht sogar ins Plus.



